Am 07.06.2019 besuchte der DDR-Zeitzeuge Klaus Jürgen Tiller die Schülerinnen und Schüler der zehnten Realschulklasse der Burgsitzschule und rundete mit einem sehr interessanten Zeitzeugen-Gespräch einen Geschichtsprojekttag zum Thema „Wahlen in der DDR“ ab, der in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft e.V. und Geschichtslehrerin Verena Reichmann durchgeführt wurde.

Dass es einmal zwei nebeneinander existierende deutsche Staaten mit befestigter Grenze gab, in denen sich das Leben ganz unterschiedlich gestaltete, und dass dies die deutsche Geschichte über einen langen Zeitraum prägte, ist für Jugendliche heute nur schwer vorstellbar. Aus diesem Grund befassten sich die Burgsitzschüler der zehnten Realschulklasse im Geschichtsunterricht mit dem Leben im geteilten Deutschland zwischen 1949 bis 1990. In diesem Rahmen organisierte Geschichtslehrerin Verena Reichmann einen Projekttag mit dem Schwerpunkt „Wahlen in der DDR“, wofür sie einen Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft e.V. aus Berlin, Herr Vincent Regente, gewinnen konnte, der mit den Schülerinnen und Schülern einen ganztägigen Workshop durchführte: „Vom Zettelfalten zur freien Wahl. Wahlen in Deutschland in Diktatur und Demokratie“. Gefördert wurde dieser Workshop mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Schülerinnen und Schüler wiederholten an diesem Tag zunächst die wichtigsten Grundlagen rund um das Thema „Wahlen“. So wurde zunächst die Funktion politischer Wahlen, die Unterschiede zwischen einer Demokratie und einer Diktatur und die demokratischen Wahlgrundsätze in Erinnerung gerufen, ehe es anschließend gezielt um die DDR ging: Was war die DDR für ein Staat? Welche Unterschiede gab es zwischen der BRD und der DDR? Welche Rolle spielten Wahlen in der DDR? Anschließend befassten sich die Schülerinnen und Schüler selbständig in kleinen Gruppen mit verschiedenen Quellen rund um das Thema „Wahlen in der DDR“. So wurden Kurzvorträge zu den Themen „Wahlverfahren in der DDR“, „Wahlbeteiligung in der DDR“, „Die Stasi und freie Wahlen“ und die Wahl vom 7.Mai 1989 erarbeitet und präsentiert.

Höhepunkt des Projekttages war der Besuch von Klaus Jürgen Tiller, ein DDR-Zeitzeuge, der die Schülerinnen und Schülern ganz konkret an seinen Erfahrungen mit der DDR teilhaben ließ. Herr Tiller wurde 1949 geboren. Seine Familie flüchtete am Ende des Zweiten Weltkrieges von Oberschlesien nach Bad Frankenhausen (Thüringen), wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Bereits in der Schule habe er gemerkt, dass die DDR ein Unrechtsstaat sei, so erzählte Herr Tiller. Als gläubiger Katholik galt er als Staatsfeind und wurde benachteiligt. Auch seine Kinder hätten dies in ihrer Schulzeit immer wieder erfahren müssen. Herr Tiller erzählte den Schülerinnen und Schülern vom Volksaufstand des 17.Juni 1953, als die Menschen ihre Arbeit niederlegten und streikten und wie er selbst an diesem Tag einem Panzer gegenüber gestanden habe. Zwei Brüder von Herrn Tiller sind in den Westen gegangen, als dies noch möglich war. Nach dem 13. August 1961, dem Tag als die Berliner Mauer gebaut wurde, war dies nicht mehr möglich und Herr Tiller empfand die DDR nun als großes Gefängnis. Ihm sei klar gewesen, dass er aus diesem Gefängnis nicht mehr heraus komme. Herr Tiller war ein talentierter Fußballer und wurde zu einem Probetraining in das Fußball-Internat des Vereins Turbine Erfurt eingeladen. Man wollte ihn in das Internat aufnehmen, stellte jedoch eine Bedingung: Mit 18 Jahre sollte er aus der Kirche austreten und in die SED eintreten. Er entschied sich dagegen. Nachdem Herr Tiller mit der Schule fertig war, wollte er Lehrer werden. Dies war ihm jedoch nicht möglich, da er aufgrund seines Glaubens keine Genehmigung für ein Studium erhielt. Auch seine Einstellung machte ihm die Verwirklichung seines Berufswunsches nicht möglich: Hätte er die Kinder in der Schule doch im Sinne der DDR und des Kommunismus erziehen müssen. Das wollte er nicht und so wurde er Sozialarbeiter bei der Caritas der katholischen Kirche und arbeitete nach seinem kirchlichen Studium in Geisa, 3 Kilometer von der Staatsgrenze zur BRD entfernt und sogenanntes Sperrgebiet. Herr Tiller berichtete von den Passierscheinen, die man zum Betreten des Sperrgebietes brauchte. Als er einmal seinen Ausweis vergessen hatte und kontrolliert wurde, hielt man ihn wie einen Verbrecher mehrere Stunden fest. Als die Unzufriedenheit der Menschen in den 1980er Jahren wuchs, entstanden die sogenannten Friedensgebete in den Kirchen. Hieran nahm auch Herr Tiller teil und er organisierte die im Anschluss stattgefundenen Demonstrationen durch seinen Heimatort Geisa. Herr Tiller erzählte den Schülerinnen und Schülern von der großen Angst, die die Teilnehmer der Demonstrationen hatten, und von den Kerzen, die man als Zeichen für den Frieden in den Händen hielt. Als er erfuhr, dass die Grenze in den Westen aufgemacht wird, hielt er es zunächst für einen Scherz. Doch bereits einen Tag später fuhr er mit seiner Familie frühmorgens nach Kassel.

Durch seine offene und humorvolle Art schaffte Herr Tiller es, die Schülerinnen und Schüler zu beeindrucken und ihnen einen konkreten Einblick in das Leben in der DDR zu vermitteln. Immer wieder bezog er sie in seine Erzählungen mit ein und kam dadurch mit ihnen ins Gespräch. So fragten die Schüler ihn am Ende sogar, ob er nicht in der nächsten Woche noch einmal kommen könne, um noch mehr zu erzählen. Sie bedankten sich herzlich für sein Kommen und überreichten ihm als Dankeschön die typisch nordhessische Spezialität: die Ahle Worscht. Herr Tiller bedankte sich ebenfalls für das nette Gespräch mit den Schülern und erzählte abschließend, wie froh er sei nun schon 30 Jahre in einem freiheitlichen demokratischen Staat leben zu dürfen. Das hatte er lange Zeit nicht für möglich gehalten.

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